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Die Frau, die kein Klavier hören konnte
von Tolya Glaukos (www.tolya-glaukos.de)

Er drückte sich an Beinen vorbei, die sich nur widerwillig schräg stellten und ihm Platz zum Durchgehen frei gaben, eines nach dem anderen rutschte seitwärts, eine fließende Bewegung, wie die Beine eines Tausendfüßlers. Das Liebespaar in der Reihe hinter ihm indessen räumte mürrisch seine Jacken von dem letzten freien Platz. Da die Werbung bereits lief, blieb ihm erspart, an ihren genervten Gesichtern vorbeisehen zu müssen.
Er ließ sich in den alten Klappsessel fallen. Das Holz knarzte marode. Nachher, wenn der Spätzug einfuhr, würde man die Vibrationen so intensiv spüren, als säße man in Wahrheit in einem Güterzug auf einer morschen Holzkiste. Im Bahnhofskino war alles überholt, selbst die Kinowerbung hatte Patina angesetzt. Alte Levis, alte Coke, auch der Marlboro-Man war noch ein waschechter Macho. Hier war die Zeit stehen geblieben. Manchmal ist es schockierender, wenn sich an einem Ort gar nichts ändert, über Jahre hinweg. Sogar der rasselnde Atem des Vorführgerätes war noch immer der gleiche. Und noch immer stiegen aus der Bahnhofskneipe die gleichen Küchengerüche durch die Ritzen der Holzdielen.
Er lehnte sich zurück. Entspannte. Hörte auf das Keuchen des Apparats, erhob die ersten Daten aus seiner näheren Umgebung. Zu seiner Rechten saß ein Mann in einem dicken Wollpullover, der sich beim Atmen eigentümlich aufplusterte, so als blase er unter seinen Rippen eine Luftmatratze auf. Zur Linken dagegen saß eine grazile Frau. Das heißt, sie nahm nicht viel Platz in Anspruch – ob sie tatsächlich Grazie hatte, war in der Dunkelheit nicht zu erkennen. Im Dunkeln hingegen war ein anderer Sinn besonders geschärft: Er inhalierte ihr Parfum. Es war leicht, wie eine Phrase von Mozart. Er hasste Mozart. Und doch, unvermittelt juckte ihm jetzt die Nase. Die Abenteuerlust erwachte. Wer ist sie?
Ist sie allein?
Fragen, die kitzeln. Fragen, die deinen Geist in Beschlag nehmen. Männerfragen? Er hatte den Film schon einmal gesehen. Odyssee 2001 war sein erster Science Fiction gewesen, und deshalb hatte er besonders tiefe Spuren in sein Gedächtnis gezeichnet. Bis zu jenem Tag, als er im elterlichen Wohnzimmer auf den Fernsehschirm blickte, der sich für zwei Stunden in ein großes Auge verwandelte, hatte er nie in Erwägung gezogen, dass man auch Filme über die Zukunft der Menschheit drehen könne. Ja, wieso auch! Das Was-Wäre-Wenn hatte noch nie zu seinen Stärken gezählt. Umso tiefer prägte sich dieser Film ein. Der Neunjährige war von den Bildern berauscht gewesen – ein erster Vorgeschmack auf die Trips, die er später geworfen hatte. Nach Odyssee 2001 war alles anders. Die Welt war reicher. Variabler. Raffinierter und fantastischer. Und erstmals berührte er den Saum des Heiligen.
Er gehörte zu ihm, und er grenzte ihn aus.
Es gibt keinen Gott, aber es gibt die Zukunft.
Jetzt, nach all den Jahren, bekam der Stoff eine neue Bedeutung. Dieser Film war noch immer utopischer als alle anderen Zukunftsfilme, weshalb es umso paradoxer war, dass seine Erinnerungen bereits in derart tiefen Stollen vergraben lagen. Viele Szenen und Szenerien waren unter dem Geröll verschüttet, welches Jahrzehnte ziellosen Fernsehkonsums in dem Bergwerk seines Gedächtnisses eingelagert hatten – vieles im Laufe der Jahre Hinzugedichtete hingegen gehörte in andere Weltraumfilme oder Weltraumserien, die er seither konsumiert hatte. Odyssee 2001 aber war und blieb die Mutter aller Science-Fiction-Formate. Um so irritierender war es jetzt, erneut diese Bilder zu sehen, sie förderten etwas aus seinem kindlichen Ich zutage – wie eine archäologische Ausgrabung. Kult verwandelte sich zu Kitsch, Unverstandenes zu preziösen Formeln. Wie oft hatte er von dem schwarzen Monolith geträumt, wie viele Nächte war dieser vor seinem inneren Auge erschienen, verheißungsvoll wie ein Gott, um schon in der nächsten Szene unheilvoll aus dem Hinterhalt zu nahen, geräuschlos und heimlich, amorphes Licht in seinen Rücken werfend.
Ohne Konturen, grau, endlos.
Der zweifach enthauptete Janus.
Auch diesmal entglitt ihm seine Konzentration. Schwappte hin und her, wie Ebbe und Flut. Die Affen tobten über die Leinwand und betrieben mit ausladenden Gesten prähistorische Konversation. Er musste an die Diktatoren dieser Welt denken. Alphatiere. Er mochte keine Affen, am wenigsten die Affen im Zoo. Ihre grimassierende Diplomatie machte ihn immer wieder verlegen. Jetzt hingegen ertappte er sich bei der äffischsten aller Begierden: Die Leidenschaft. Gier. Eine Fantasie verdichtete sich. Und Geilheit. Auch das.
Wie sieht sie aus?
Ist sie schön?
Er riskierte einen Seitenblick, als eine helle Szene den Kinosaal ausleuchtete, aber auf die Schnelle konnte er kaum etwas erkennen. Nein, er wollte nicht gaffen, wollte nicht aufdringlich sein. So sah er nur, dass der Platz zu ihrer Linken frei war. Andererseits, weshalb war das so wichtig? Mochte er nicht Geheimnisse? Sie atmete wie er, sie verfolgte die gleichen laufenden Bilder. War das denn nichts? Dies Spiel mit dem Nichtwissen, das Kokettieren mit der eigenen Angst? Nach dem Abspann würde er die Gelegenheit bekommen. Der große Moment. Der Zielstrich. Vermutlich würde er enttäuscht sein.
Dann war ohnehin alles zu spät.
Derlei war schön öfters geschehen. Das Intermezzo des Eros. Doch gerade diese unbestimmte Fantasie hielt ihn fest umklammert: Wie im Traum saß er neben einer geheimnisvollen und gesichtslosen Frau, Fleisch neben Fleisch, ein hypnotisierter Dompteur neben dem Löwen. Dein Körper ein Stofftier, flauschig und doch von erschreckender Steifheit. Die opulente Opernmusik in dem dialogarmen Weltraumepos schließlich setzte alldem die Krone auf.
Synästhesie, Anästhesie.
In Trance.
Spürt auch sie dieses Kribbeln? Was geht in ihr vor, wenn sie sich aufsetzt, die Beine übereinander schlägt, ihren Arm gegen meinen drückt, verstohlen und doch niemals zu übersehen ... Oder träum ich das bloß? Darf ich für sie ein Geheimnis sein?
Ihm wurde warm, automatisch, ganz von selbst, wie ein sich selbst regulierender Heizkörper. Wunderbar warm.

Der Film strebte seinem Höhepunkt entgegen. Wie diese Odyssee auf das Unterbewusstsein wirkte! Als hätte Gott an dem Faden dieser mannsgroßen Marionette gezogen, so lag jetzt seine linke Hand neben ihrer rechten. Hautnah. Ihre Hand ruhte auf der Armlehne wie eine Einladung. Ein paar Millimeter noch – schon rieben die Ärmel gegeneinander, zwei dünne Häute von Stoff, wesensverwandt. Und weitere gierige Bilder zündeten: Fantasien zweier sich fremder Menschen, die in ein dunkles Zimmer kommen, die in der Mitte des Raumes zusammenstoßen, stimmlose Körper, die nur mit den Händen sprechen, zwei Figuren, die sich umschlingen, zwei Puppen, die sich entkleiden, ohne nach Namen, Alter, Geschlecht zu fragen, zwei Tänzer, die sich küssen in totaler Finsternis ...
Gier ist eine Blackbox.
Gier macht blind.
Wer blind ist, hat keine Seele mehr und keinen Körper.
Die Fantasie peitschte ihn. Bowman, der Held, flog zu synthetischer Musik durchs galaktische Sternentor. Ins Schwarze Loch, in die Mutter aller Black Boxes. Das als Tunnelfahrt inszenierte Todeserlebnis. Geradezu unverschämt erotisch! Da packte ihn die Chuzpe: Er striff mit seinen Fingerkuppen über ihre Hand, erst zaghaft und wie im Zufall, dann aber doch schon viel bestimmter. Sie reagierte nicht darauf. Aber wenn ihr das missfiele, hätte sie ihre Hand schon doch längst fortgezogen?
Frauen sind diskret und konspirativ, sagte er sich.
Und wurde immer dreister. Hakte seine Finger in ihre, und ließ dann wieder locker. Kerl, was bist du aufdringlich! Was, wenn sie eine hässliche Krähe ist? Was wird sein, wenn das Licht angeht? Wird man so schnell wie möglich die Flucht ergreifen? Wird man sich wenigstens ein einziges Mal direkt in die Augen sehen?
Und dann?
Wie definiert sich eine Begegnung? Vom Ende her, oder von der Mitte? Ihre Reglosigkeit war grausamer als eine Ablehnung, aber dennoch erregte ihn gerade das: ihre schlanke, warme, so einladende Hand ... ein Angebot, devot, unendlich.
Planet Erde, du bist entsetzlich warm.
Was denkt sie gerade? Über seine Haut liefen eisige Schauer, die Haare stellten sich auf, wurden spitzer als Stacheln. Er fühlte sich wie ein Triebtäter. Aber seine Ungeduld wuchs weiter, während ihm von der Leinwand die Farben entgegenspritzten. Wir sind zu zweit, Bowman ist alleine. Sein Herz begann immer schneller zu schlagen, und es war ihr Herz. Seine Beine zitterten, und es waren ihre Beine. Seine Füße wippten im Takt, und es waren ihre Füße. Körpersprache, Primaten-Smalltalk.
Er hatte längst einen Steifen.
Als der Abspann lief, schlüpfte seine Nachbarin in ihre Jacke. Vergrub ihre Hände in den Taschen, plusterte sich hinein, pumpte sich voll mit Luft. Deutliche Voranzeichen von Fluchtverhalten. Sie sah von ihm weg, er konnte sie nur im Halbprofil sehen.
Habe ich mich geirrt!?
Grelles Neonlicht durchgleißte den Raum, drei Silberröhren liefen schräg über die Decke. Zuerst war er geblendet, wie alle. Aus den Augenwinkeln versuchte er ihre Bewegungen zu registrieren – sie anzusehen wagte er jedoch nicht. Mach endlich. Guck hin! Lächle! Aber etwas widersetzte sich. Es wäre nicht echt gewesen. Warum? Verstell dich nicht. Guck sie an! Lächle! Sie aber strebte längst schon dem Ausgang entgegen.
Er folgte ihr durch die Sitzreihe. Kurze, behäbige Schritte. Sie blieb stehen, am Ende der Reihe hatte sich ein Stau gebildet. Er starrte auf ihren blonden Lockenschopf, die ausgeprägten Schultern, den kräftigen Rücken. Sie ist weniger zierlich, als ich gedacht habe. Im Gegenteil. Seltsam, ihr Geruch passt überhaupt nicht zu einer robusteren Frau – hatte das leichte Parfum verschleiert, wer sie in Wahrheit war, eine richtige Frau, in der Hüfte schlank, aber Gesäß und Brust ausgeformt wie bei Anita Eckberg, dem Prototyp aller Weiblichkeit?
Ja, das war unerhört.
Das hatte Klasse.
Eigentlich hätte er sich jetzt direkt hinter sie stellen und ihr seinen heißen Atem in den Nacken hauchen können. Er aber hielt ungewöhnlich großen Abstand und schlich auf sie zu, als könne jeder allzu laute Schritt eine Emotion verraten.
Was bezweckte er mit diesen Gebärden?
Was bezweckte sein Unterbewusstsein?
Wie gottverdammt sexy sie ist, dachte er. Leider war es jetzt zu spät, ihr Gesicht sehen zu können. Sie hat ein cremefarbenes Kleid an, und darüber eine äußerst knappe Wildlederjacke, die ihre Figur noch betonte. Zudem ist sie bestimmt nicht dumm. Vielleicht melancholisch – aber auch das kann täuschen.
Warum ist sie allein?
Sie verschwand auf der Toilette. Er wartete im Foyer. Starrte die Plakate an, ohne sie wirklich anzusehen. Ein verräterisches Klopfen in seinen Hoden, das war jetzt alles, was blieb. Ein Hohn. Er hatte sie verloren, der Raum war geteilt, und das Geheimnis schloss sich vor ihm für die nächste Umdrehung.
Sie hatten einander kein einziges Mal angesehen.

Sie nahm den hinteren Ausgang. Ging direkt an den Schienen entlang, über die Gemüsebrücke und dann am anderen Ufer zum Fluss hinunter. Ruhige, fast mechanische Schritte, das Gesicht gerade nach vorne gerichtet, dorthin, wo das schwarzviolette Wasser von gelben Lichtspiegelungen durchglitzert wurde. Sie stoppte. Setzte sich unter den Mandelbäumen ans Ufer. Der Film hatte sie gepackt. Geschüttelt. Aufgewühlt. Alles wirbelte. Die Farbstrudel der Sternenfahrt, die Verwandlung des Astronauten in das kosmische Kind. Dort, bei Gott, zwischen den Sternen. Nein, sie war nicht gläubig. Aber immer wieder beschlich sie der Verdacht, dass nur der Glauben sie wieder ganz machen könnte.
Heil.
Dieses heikelste aller deutschen Worte. Sie aber mochte es.
Heil.
Und dann war da dieses Gefühl. Wie aus ferner Vorzeit kam etwas auf sie zurück, ein strenges und starkes Regiment. Böse war es, ein gewaltiges Gift. Der Ekel. Wenn sich nachtdunkle Wolken über einen Körperteil schieben. Und die Affen. Überall turnen diese Affen herum. In den Seilen und durch die Takelage, auf den Geländern und sogar unten die Brückenpfeiler entlang.
Aber stimmte das wirklich? Hatte es sich nicht ganz anders angefühlt? Einen Moment lang zumindest? Auf dem Gipfel der Spannung war plötzlich dieses elastische Körpergefühl da. Und ging nicht mehr fort. So sehr sie sich auch sperrte, es war stärker. Sie war sogar geil geworden, das war schon lange nicht mehr passiert. Hier war etwas heikel.
Nicht heil, heikel.
Dieses fremde Gefühl in ihrer Hand. Der Ekel, noch immer brannte der Ekel an den Rändern der Taubheit. Seit siebzehn Jahren war ihre rechte Hand gelähmt, weit übers Handgelenk hinaus. Nun hatte sie plötzlich dieses Kribbeln verspürt. Wärme. Zuckende Nerven. Leben. Ein Schwarm Mücken. Auch Stiche, viele kleine, nebeneinander, brennend, gierig und giftig. Und nachher ein Schnitt, wie von einem Messer, tief und ungeduldig, immer die Naht entlang. Dort, wo die Taubheit begann. Dann wieder ein Pochen, das drängende Blut. Lyse, Lymphe.
Sie hatte Angst empfunden.
Das Vergangene hielt sie im Schwitzkasten.
Dabei hatte sie nichts anderes getan als immer. Auch diesmal hatte sie ihre gelähmte Hand auf die Lehne gebettet. Als sich dann dies prekäre Gefühl abzeichnete, wagte sie gar nicht mehr, sie wegzunehmen. Sie versuchte, sie selbst laufen zu lassen. Für Augenblicke glaubte sie, die Fingerspitzen wegspreizen zu können. Sie drehen zu können. Klavier zu spielen auf der Lehne. Sie hatte als Mädchen gut gespielt. Sehr gut sogar. Ja, sie war virtuos. Bis zu jenem Tag, an dem ihre Erinnerung verschwamm. Wo die Nebelzone begann. Wo das Klavier explodiert war. War in dem Film Klaviermusik zu hören gewesen? Sie hatte seit jenem Zwischenfall die Fähigkeit, die Töne eines Klaviers hören zu können, vollständig eingebüßt. Kein Audiologe hätte dafür eine wissenschaftliche Erklärung gefunden, kein Computertomograph eine anatomische Besonderheit diagnostizieren können. Es war ein Phänomen, wie ihr Bewusstsein alle Klaviertöne dienstbeflissen auszuixen vermochte. Wer auch immer diese Zensur vornahm, er arbeitete äußerst diskret und äußerst präzise. So konnte sie mit ihrer gesunden Hand ein Klavier anschlagen und blieb doch taub für den Klang der Saiten, einzig die Schwingungen spürte sie. Und eine vage Vermutung, dort drinnen.
Innig.
Sie lief den Fluss entlang, stadtauswärts, dorthin, wo die von riesigen Scheinwerfern beleuchtete Burg wie ein Roter Jaspis über die Stadt ragte. Dann aber, an der Stelle, wo eine in den Hang gewundene Treppe zur Festung hinaufführte, machte sie auf dem Absatz kehrt. Alle Menschen halten kurz inne, bevor sie umkehren. Sie aber zögerte nicht eine Sekunde, sondern wendete wie ein Schwimmer am Ende des Beckens, oder wie eine Billardkugel an der Bande. Lief zurück, zu den Mandelbäumen. Und weiter, über die Brücke, zum Bahnhof.
Sie setzte sich in die Bar gegenüber. Mortons Bar. Sie kehrte dort immer ein, wenn sie sich einen Film angesehen hatte. Ihr Leben lief konstant wie ein Uhrwerk. Rituale besiegen die Asymmetrien. Jetzt dagegen fühlte sie neuerlich diese fremde Kraft. Das Wunder?
Ja, es war Hoffnung und keine Lüge. Sie setzte sich auf den roten Barhocker. Den, der einen Brandfleck auf dem roten Lederbezug trug, sie mochte es, wenn der Fleck unter ihrem Rock verschwand.
–Einen Cocktail. Irgendeinen.
Der Mixer sah sie an. Sonst trank sie meist eine Apfelsaftschorle, um sich zu erfrischen, manchmal nur ein großes Glas Apollinaris. In der Öffentlichkeit Alkohol trinken, das hatte sie sich längst abgewöhnt. Auch jetzt schmeckte der Cocktail eher nach Gift als nach Glück. Der Ananassaft brannte in ihren Wangentaschen. Erneut Ekel. Aber egal, sie war glücklich. Innen. Dort. Wo Positionslichter den Horizont ausleuchten.
Sie hatte viele Ärzte konsultiert. Psychologen, Neurologen, Psychiater, Therapeuten, ja sogar ein paar Gurus zu Rate gezogen. Seither lagen über ihrem Fall sämtliche Theorieschulen im Clinch. Es sei kein organischer Fehler, erklärte man ihr. Einer hatte ihr weismachen wollen, ihr Leiden sei mit Sex kurierbar, und bot sich ihr opferwillig als Heiland an. Der nächste gab dem Klavier die Schuld, sie habe seinerzeit zuviel Ehrgeiz für diese hohe Kunst entwickelt. Sie solle in einem Ritual der Reinigung ein Klavier zerstören, irgendwo ließe sich gewiss ein altersmüdes Exemplar auftreiben, welches sie mit einem Vorschlaghammer oder gar mit einer Abrissbirne in seine Einzelteile zerlegen könne. Und Antonio, ihr letzter Heiler, der ihr mit suggestivem Timbre in die Stimme eröffnete, sie würde die Lähmung nie bezwingen, wenn sie nicht endlich den elementaren Hass auf das eigene Ich überwände. Den Nebel lichten. Irgendwo habe sie gewiss einmal das Grauen berührt. Ins Eis gefasst.
Wie banal.
Sie wusste nichts davon und wollte es nicht wissen. An ein Trauma verschwendete sie keine Gedanken. Heilung sei für sie möglich, behauptete Antonio, der Mensch könne sehr wohl gewisse Zonen des Körpers blockieren und ebenso gut wieder öffnen. Fakire hätten dies zur Genüge bewiesen. Man kann ganze Körperzonen wegatmen, Antonius nannte es "abklemmen". Aber 17 Jahre lang? Etwas in ihr war damals zerbrochen. Wo der Nebel begann. Die Zone. Ein Meer von zerschlissenem Papier.
Sie hörte wieder die Musik. Erst ein Summen, in ihr, von innen. Dann war es nicht mehr zu überhören: Ein Klavier. Es spielte automatisch, und es spielte nur für sie allein. Wie vom Teufel höchselbst gespielt, denn absolut teuflisch waren diese Läufe. Hatte der Film den Löwen geweckt? Was bedeutete es, wenn das Klavier nach so vielen Jahren wieder zum Leben erwachte? Die Melodie klang vertraut. Sie glaubte, jeden Moment umfallen zu können. Vom Stuhl kippen, einfach so, ohne Vorwarnung.
Ohnmacht, vielleicht sogar der Tod.
Sie hatte allen Respekt.
Eines Tages werde ich vielleicht ganz zu Stein, raunte sie. Und lächelte schon wieder, über ihre verstiegene Fantasie.

So schnell sieht man sich wieder, dachte er. Ein wenig mürrisch wirkte sie, trotzdem fand er ihr Gesicht sehr hübsch. Sie ist älter als du, einige Jahre sogar. Ein süßer Schmerz war darin eingemeißelt. Nur aus dem Schmerz kann die Weisheit wachsen. Ist sie wirklich hübsch?
Weshalb ist sie mir gefolgt?
Die zweite Frage schoss weit über ihr Ziel hinaus, denn sie war ihm keineswegs gefolgt. Es war reiner Zufall.
Er atmete tief durch. Wie geheimnisvoll sie war. Eine dominante Frau, die genau weiß, was sie will und wohin. Du aber hast keinen Schimmer von ihren Absichten, und genau das macht sie so magisch, so magnetisch, so magnifik. Ach, wie versonnen sie an ihrem Cocktail schlürfte, während sie die rechte Hand noch immer tief in der Tasche versenkt hielt! Es sah cool aus, irgendwie fixte ihn das. Er musste an Napoleon denken, der seine Hand ins Wams steckt. Ach, könnte ich nur eine Sekunde meine Hand zu ihr ins Nest stecken, ins Warme, Fleischige ... Er hielt sie für eine Bibliothekarin. Das lag vielleicht an ihrer Haut, die an Pergamentpapier denken ließ. Unter der porösen Oberfläche schimmerten winzige blaue Adern, wie Schriftzeichen in Sanskrit. Und an dem verhuschten Blick, in dem man meinte, ganze Sätze lesen zu können. Jetzt starrte er sie beinahe schon an.
Hoffentlich zeigten ihre Zeiger in die gleiche Richtung.
–Wie fandest du den Film?
Das mochte er gesagt haben, oder einen anderen Satz. Vermutlich hatte ihn der Alkohol motiviert. Oder ein auffordernder Blick ihrerseits. Die Frage nach einer Zigarette, nach Feuer, oder ein an der Theke fallengelassenes Glas, das zwei Menschen plötzlich in die selbe Richtung schauen lässt.
–Du hast ihn auch gesehen? Die Odyssee?
Foppte sie ihn? Nein, es war ihr Ernst. Sie hatte ihn soeben auf eine völlig andere Weise kennen gelernt als er sie. Für sie war er nur irgendeine Kneipenbekanntschaft. Sollte er eine Anspielung machen?
Er wagte es nicht.
Wurde dadurch das Spiel nicht noch reizvoller?
Ja, ein Spiel. Sie kamen ins Gespräch, und sie blieben es lange. Als ihr Glas aber leer war, meinte sie kurz und knapp:
–Es ist Zeit für mich.
Spätestens jetzt hätte ihm auffallen können, was mit ihrer Hand nicht stimmte. Aber da er sich generös gab und sie auf diesen Drink einlud, blieb ihr das verräterische Kramen im Portemonaille erspart.
Männer kaufen Frauen, so oder so. Das – oder etwas Derartiges – dachte er, als er die Scheine auf die Theke blätterte. Er kam sich schäbig vor, weil diese Geste keineswegs seinem inneren Antrieb entsprach, sondern einer Konvention, einer Höflichkeit, genau genommen war es nur eine belanglose Floskel. Seine Neubekanntschaft indessen schielte wie geistesabwesend ins Nichts, und das war eigentlich noch um Einiges schäbiger.
Aber auch das war ein Argument.
–Darf ich dich nach Hause begleiten?
Er durfte. Er ging neben ihr, umgarnte sie mit charmanten Worten und Gesten, blieb jedoch immer darauf bedacht, dass dies nicht als aufdringliche Werbung zu Buche schlug.
An ihrem Hauseingang konnte er schon an der Art, wie sie sich zu ihm stellte, ablesen, wohin die Reise für ihn gehen würde. Er musste erneut an die Primaten in Kubricks Film denken. Und wie grinste er, als sie ihm zuraunte:
–Komm doch mit hoch.
Nein, der Sextherapeut hatte sie völlig falsch eingeschätzt. Sie hatte sich oft geschenkt und schenken lassen. Ob das wohl der Grund war, weshalb sie sich jetzt, mitten auf dem Treppenaufgang, urplötzlich zu ihm umdrehte und murmelte:
–Aber denk jetzt nicht das. Du weißt schon ...
Er wollte nichts wissen, er wollte nichts denken. Er wollte nur ficken. Es gab ein klar definiertes Ziel, und dieses Ziel war denkbar nahe. Er folgte ihr, und etwas zerrte jetzt in seinem Inneren, begleitet von lautstarkem Gebell. Klar, das war der Kettenhund. Und die spiralförmig angeordneten Treppen hinaufsteigend antizipierte er bereits, wie er dieselben Stufen wieder hinunterpoltern würde, in einigen Stunden, klapp klapp klapp, in satter Befriedigung. Glück. Draußen ging die Sonne auf, und die Vögel würden singen.
Als sie die Türe aufschloss, wunderte er sich wieder, dass sie dazu die linke Hand nahm, während sie die Rechte noch immer in der Tasche behielt. Die Hand, die er gestreichelt hatte ...

Er ließ sich in den Ledersessel fallen und beobachtete, wie sie sich umständlich aus der Jacke befreite. Er unterstellte ihr Müdigkeit. Dann kam es wie ein Blitz: Dass etwas mit ihrer rechten Hand nicht stimmte.
Sie registrierte es.
–Ja, meine Hand ist gelähmt.
Er musste den dämlichen Wunsch unterdrücken, aufzuspringen und ihr aus der Jacke zu helfen.
Sie tranken Wein und redeten sinnloses Zeug. Interessanter waren jetzt die Blicke, Gesten, Andeutungen. Es ist wegen ihrer Hand, dachte er. Sie sieht es als eine Behinderung an, als den Verlust ihrer Attraktivität. Ihn aber erotisierte diese Hand.
Ist das schon krank? Was macht mich daran so geil? Hey, bin ich so arm, dass ich mich von kranken Menschen lieben lassen muss? Sein Freund Steffen hatte solche Frauen als die dankbarsten Liebhaberinnen beschrieben. Eine günstige Gelegenheit also, um Steffens These zu überprüfen. Er gluckste.
–Sorry.
–Was ist? –Du bist schön.
Er wusste, was zu tun, was zu sagen war.
Sie hörte gar nicht auf ihn. In ihrem Kopf spielte diese Musik. Eine Melodie, die sie gerne festgehalten hätte. Die Melodie kam aus dem Nebel. Der junge Mann hatte sie mitgebracht. Das war alles, was ihn auszeichnete.
Aber das war mehr als genug.
–Kannst du Klavier spielen?
–Oh, ich kann alles, alles was du wünscht. Ich werde mit dir Klavier spielen, wie niemand zuvor ...
Er grinste. Wusste er, was er da sagte? Charmant wollte er sein, und ihr gefiel sein Bemühen. Er stierte auf ihre Hand. Als sei gerade diese Hand das Kostbarste, was sie anbieten konnte. Wie konnte etwas, das nicht da war, so wichtig werden?
Wenn ich das nicht hätte, müsste ich es glatt erfinden.
Er behielt die Hand im Blick, die jetzt auf ihrem Schoß lag. Wie ein Tier. Das warme Fleisch, dass er im Kino gestreichelt hatte. Sie hatte es nicht einmal bemerkt. Er musste über diese Illusion grinsen. Grotesk. Dennoch, jetzt war er hier, bei ihr. Absolut grotesk.
Unbegreiflich.
Ja, wie ein Tier. Er streckte seine Hand nach ihr aus. Einen Moment lang meinte er, auch ihre Hand zucke zu ihm hin.
–Willst du ficken?
Er grinste.
–Warte einen Moment.
Sie verschwand im Bad.

Und da, vor der Toilettenschüssel, kniete sie wieder, in ihrer Fantasie zwischen zwei Röhren von Fleisch gepresst, den Kopf aufgerichtet, die Schultern hingegen geduckt, als drohten Schläge, die Hand eng um den Schaft und die Lippen ganz spitz, und sie hörte die Rufe, "drück", "drück" nur, und sie tat was sie konnte, aber konnte nicht mehr, "drück", "drück", sie aber biss, biss jetzt zu, und hörte die Schreie. Einen Schlag auf den Schädel. Kein Schmerz. Nur Ohnmacht und Nebel.
Nebenan spielte ein Schüler Klavier. Methodische Läufe, immer die gleichen, nichtssagend. Sie war weggelaufen.
–Was ist mit dir?
–Nichts, nichts. Eine Sekunde. Leg dich doch schon mal hin, wenn du magst. Ich komme gleich.
Sie wischte sich das Gesicht sauber, dann auch die Toilettenschüssel. War das der Cocktail? Die saure Ananas? Die flimmernden Farben? Die Musik in ihrem Kopf? Nun jedenfalls ging es ihr wieder besser. Der Schwindel war weg.
Sie putzte sich die Zähne. Leise, die Lippen um die Bürste eng geschlossen, und fast schon verschwörerisch erwiderte das Spiegelbild ihren kauzigen Blick. Wenn sie nachher die Badtür öffnete, was würde sie erwarten? Würde er schon im Bett liegen? Oder würde er weg sein?
Wieviel Zeit war eigentlich vergangen?
Sie sah zu dem Klavier. Es war offen.
Sie ging ins Schlafzimmer. Er lag auf dem Bett und schlief; oder er stellte sich schlafend. Sie wollte wissen, ob er soeben gespielt hatte, nur ein paar Läufe vielleicht. Aber anstatt zu fragen, legte sich zu ihm, streichelte ihn. Küsste ihn auf den Mund. Er räkelte sich.
Ein sonderbarer Wunsch kam ihm in den Sinn. Sie soll mich mit ihrer lahmen Hand masturbieren. Die gesunde Hand über die lahme legen, und dann an der Spitze heftig mit der Zunge schlagen. Mhm. Die Zähne in die Vorhaut kneifen. Mhm. Warum faszinierte ihn ausgerechnet diese Vorstellung dermaßen?
Was war das für ein Imperativ?
Der Kantsche, der Darwinische, oder gar der Freudianische?
Er nahm die eigene Fantasie und stülpte sie um in die Realität. Nahm jetzt ihre Hand und strich mit ihr die Brüste entlang, den Bauch hinab, pelzwärts, wo üppig Haar wuchs. Er dirigierte sie, er manipulierte sie. Und sie ließ es geschehen. Während ihr Atem sich anspitzte. Merklich anspitzte.
Das einzige, was sie jetzt hörte, war der Puls des Blutes. Nicht mehr die Musik, das Klavier war tot. Im Schmollwinkel. Verborgen. Reglos. Oder es schlief, und ein Atemzug dauerte 100 Jahre, und längst. Sie achtete auf nichts mehr, nur noch auf dieses Pulsen in ihren Ohren. Und wie ein haarfeines Kribbeln ihre Hand anschwellen ließ. Wie die Nerven erwachten. Impulse. Wie ihre Fingerspitzen zu zucken begannen. Wie Katzenpfoten. Jetzt spürte sie nicht einmal ihre Klit, gegen die ihre Hand rieb, ihre kalte, tote Hand.
Dann hatte sie es.
–Die Hand gehört dir, wusste ich es doch ...
Er meinte sich zu verhören, sie sagte gewiss etwas anderes, aber sie murmelte diesen Satz ein zweites Mal, ja immer wieder, und sie wurde immer lauter dabei. Dann schrie sie sogar. Schrie den Satz, DIE HAND GEHÖRT DIR, WUSSTE ICH ES DOCH, schrie ihn so laut, als rufe sie um Hilfe. Er bekam Angst vor ihr, vor dem Geheimnis, das sich hier freischrie. Versuchte, ihr mit Küssen den Mund zu stopfen.
–Nein, nicht aufhören, nicht aufhören!

Er hatte sich geirrt, als er die Treppen heraufkam. Von wegen klapp, klapp, klapp, beschwingt die Treppen herunterpoltern! Er stöhnte. Seine Schulter schmerzte entsetzlich. Ein riesiger, violetter Fleck hatte sich unter der Hautoberfläche gebildet, wie ein See aus Blut. Er hatte mit einem Dämon gerungen. Was hatte er sich beweisen wollen? Verdammt, karitative Aktionen waren doch noch nie sein Ding gewesen!? Er war ein Arschloch, damit hatten sie ihn schon in der Schule aufgezogen. Ein Don Juan, ohne Seele. Wenn die wüssten, wie ihn diese Frau geläutert hatte! Gab es einen besseren Beweis, als dass er kein einziges Mal in ihr gekommen war?
Was für eine Frau.
Seine Hoden fühlten sich an wie die eines Stiers. Riesenhafte Bälle, bis zum Bersten vollgepumpt. Nein, er fasste sogar ans Geländer, so schmerzte ihn jeder Schritt im Gemächte – das war noch schlimmer, als habe ihm jemand rüde in die Eier getreten. Dann aber zog er das Gesicht zu einem Grinsen auseinander, wie einen Kaugummi. Ein alter Mann kam ihm entgegen. Er trug eine Melone wie einst Pan Tau, rauchte eine Zigarre und nickte. Gedankenlos. Vielleicht galt das Nicken ihm, vielleicht auch nur einer weit entfernten Erinnerung.

Sie hingegen öffnete das Fenster. Draußen ging die Sonne auf. Und die Vögel sangen.
–Nimm mir auch noch das Andere weg, murmelte sie.
Dann schloss sich das Klavier.

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