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"Ich plädiere für Selbstverständlichkeit nicht für Wunder?"
von Barbara und Buxi

Ich, Buxi (Name von der Redaktion geändert), bin von Meningomyelozystozele betroffen, eine stärkere Form von Spina Bifida. Damit ist unter anderem eine schwere Inkontinenz, Einschränkung der Beweglichkeit der unteren Gliedmaßen (bin aber kein Rollstuhlfahrer) und eine Reduzierung der Gefühle im Genitalbereich verbunden (was natürlich nicht meine 'Lust auf Liebe' auf Null reduziert). Schöne Bilder und Gedanken können natürlich auch mein Blut ganz schön ins Wallen bringen. Bis jetzt (ich bin 26 Jahre alt), glaubte ich, daß sexueller Kontakt (eigentlich Geschlechtsverkehr) bei mir gar nicht möglich wäre. Jetzt ist mir aber ein Buch von Hermann B. F. Offenhausen (Behinderung und Sexualität*) in die Hände gekommen, in dem auch mein Problem angeschnitten wird. Darin heißt es, daß zwar mechanische Reize (masturbieren) nicht zum Erfolg führen, weil eben das Rückenmark beschädigt ist, daß das aber nicht unbedingt heißen muß, überhaupt impotent zu sein. Beschränkungen, die einem durch die anatomischen Unzulänglichkeiten auferlegt worden sind, werden zum Teil durch andere Möglichkeiten kompensiert. Sex spielt sich nicht nur unter der Gürtellinie ab, sondern auch im Kopf. Außerdem werden die durch die Behinderung nicht beeinträchtigen erogenen Zonen viel sensibler, sodaß ein erfülltes Sexualleben durchaus möglich ist (so weit sinngemäß Offenhausen). Diese Auffassung unterscheidet sich grundlegend von dem, was ich bis jetzt geglaubt habe und bringt meine Überlegungen/Hoffnungen in eine ganz neue Richtung. Natürlich besteht da noch das Problem der Inkontinenz, aber auch dafür gibt es Lösungsmöglichkeiten. Jetzt muß man dann nur mehr eine Partnerin finden, die diese Unzulänglichkeiten nicht abschrecken und anekeln.

Ich weiß nicht, wie Ihr darüber denkt, aber wenn man einmal seinen größten Feind besiegt hat (sich selbst), dann geht alles weitere viel einfacher. Denn für jedes Problem gibt es eine Lösung. Man muß nur manchmal 'um die Ecke denken'.

Und Barbara antwortete:

[...]
Also ich bin nicht behindert und habe seit 20 Jahren ein mehr oder minder erfülltes Sexualleben ( ich bin36 Jahre alt). Mein letzter Lebensabschnittsgefährte ( wir waren ca 1 Jahr zusammen) war Rollstuhlfahrer (Querschnitt).
Unser Liebesleben war für mich absolut erfüllend und schön. Ich habe in dieser Beziehung viel Neues kennengelernt, was mir so noch kein Mann davor geben konnte.
Begriffe wie "unzulänglich" oder "beeinträchtigt" kommen mir gar nicht in den Sinn, wenn ich über unsere Sexualität nachdenke. Hart gesagt: Ich hatte viel Spass und Erfüllung mit einem Mann, bei dem Sex sich NICHT nur am Schwanz abspielt.
[...]

Buxi schrieb ihr zurück:

[...]
Da ich andere Erfahrungen gemacht habe, mich des Eindrucks nicht erwähren kann, gerade wegen meiner Behinderung keine richtige Freundin (oder Sexpartnerin) finden zu können, versuche ich es derzeit auf dem Weg über die Homepage. Natürlich will ich nicht nur mir helfen, sondern auch allen anderen, die glauben, in einer ähnlichen Situation zu sein. Das Thema Behinderung und Sexualität wird allzuoft tabuisiert, totgeschwiegen - ist einfach nicht vorhanden. Nicht nur einmal habe ich gehört - der wird sowieso nie eine Freundin finden oder - ich wünsche Dir eine wirklich verständnisvolle Frau (glaube aber nicht, daß es die für Dich gibt). Und dann probiert man (ich) doch eine Freundin zu finden und scheitert. Möglicherweise geht es mir da nicht anders, wie so vielen anderen 'Gesunden' oder ... . Natürlich hast Du recht, wenn Du sagst Sex spielt sich nicht nur mit dem Schwanz ab, aber oft habe ich eben das Gefühl daß es bei den meisten Frauen gerade um das geht. Vielleicht liege ich da falsch, vielleicht bin ich nur ein Minderwertigkeitskomplexler und wahnsinnig frustriert. Auf jeden Fall möchte ich jetzt herausfinden, was wirklich möglich ist. Es geht mir nicht unbedingt darum, spontan und sofort eine Lebenspartnerin zu finden, sondern ich möchte Erfahrungen sammeln (welcher Art auch immer), und wenn ich dabei noch anderen helfen kann, ist das umso besser.
[...]

Ihre Antwort darauf:

[...]
Ich weiss nicht, ob ich "so tolle Erfahrungen gemacht habe" und ob ich so "vorurteilsfrei" bin. Ich meine, ich hatte mit meinen "Lebensabschnittspartnern" immer viel Spass beim Sex, da spielt der "letzte" keine besondere Rolle, nur weil er behindert ist... Nebenbei habe ich im Bett auch nicht gespürt/ gedacht/ gefühlt, dass mein "Letzter" "behindert" ist. Mit aller Macht darauf gestossen wurde ich nur, wenn wir an der "Öffentlichkeit" waren. - Freundin eines Rollstuhfahrers in der Öffentlichkeit - darüber könnte ich noch viel erzählen. Dir erzähle ich dabei aber wahrscheinlich nichts Neues und deshalb lasse ich es lieber, obwohl ich immer noch viel Wut und Fassungslosigkeit in mir habe ... (und die Schlagwörter Tabu, Sexualität, Behinderung gut passen würden).

Es ist schon komisch mit den Menschen. ... jeder schleppt so seine Päckchen mit sich rum, manche grosse und für alle sichtbar und manche halt kleinere ...
[...]
Neugierde, wie Menschen so sind, keeps me up running. Vielleicht ist das so ähnlich wie bei Dir, wenn Du schreibst, dass Du rausfinden möchtest, was alles möglich ist und Erfahrungen welcher Art auch immer sammeln möchtest.
[...]
Ach ja.
Ich plädiere für Selbstverständlichkeit nicht für Wunder ... und für kleine Zugeständnisse.

Wie zum Beispiel, dass bei meinem "Letzten" meine Tochter und ich auf dem Boden weitergeschlafen haben, wenn sie nachts manchmal zu uns ins Bett gekrochen kam und bei uns schlafen wollte (was sie immer dann gerne tut, wenn ich nicht alleine bin ...) und es zu eng wurde. (Sonst müssen sich bei mir immer die Männer auf den Boden verziehen...)
[...]

Barbara
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